Sally (ehemals Salome)   12.07.2013


Sweet Sally

Salome alias Sally, der Hund, den keiner wollte. Oder: Keiner weiss was hinter dem Begriff „Jagdhund“ steht, aber alle reden mit! (ich bitte meinen Zynismus zu entschuldigen)



Eigentlich wollten wir keinen weiteren Hund mehr. Naja, vier sind ja auch genug, das gebe ich zu. Es sind zwar vier kleine, aber mit 13 Großkaninchen füllen sie schon den Garten.
Bis eines Tages die Freundin meiner Frau, unsere liebe Mella, mit ihrem kleinen Ratero bei uns war und irgendwann das Gespräch hergab, dass sie den kleinen Frechdachs auf Mallorca aus einer Tötungsstation gerettet hat. Zudem erzählte sie uns von der Organisation „Sonnenhunde“ und was alles dahinter steckt.
Respekt! Neugierig wie ich nun mal bin, habe ich mich direkt auf der Homepage ein wenig umgeschaut. Ohweiha, so viele zu vermittelnde Hunde. Ach, dachte ich mir. So als Pflegestelle kannst du doch ruhig einen aufnehmen. Scheiß drauf, was die Nachbarn sagen! Das ist mein Leben, sorry Schatz, unser Leben. ;-). Mella nahm mich natürlich direkt beim Wort und so nahmen die Dinge ihren Lauf. Viele Überlegungen kamen nun auf uns zu. Welchen sollen wir aufnehmen? Nach reichlich Überlegungen war unsere Entscheidung das Jagdhundweibchen Salome zu uns nach Hause einzu-laden. Kaum ausgesprochen, sprang Mella schon vor Freude bis zur Decke, da Salome fast ihr einjähr-iges dort feierte, was ich nicht verstehen konnte. Woran lag das? Ins Grübeln kam ich schon, gebe ich zu. Immer wieder schaute ich mir die Fotos und Videos an, versuchte zu erkennen, warum war sie immer noch da? War da etwas, was ich sehen musste, was mir eine Lektion werden sollte? Der Tag der Ankunft rückte näher, und ich gebe zu, es wurde mir ein wenig mulmig. Mit der Zeit wurde mir durchs Internet bewusst, dass die Hauptursache darin lag, dass Salome ein Jagdhund ist. Zerfleischte Kaninchen im Freilauf, zum Krüppel gebissene kleine Hunde malten sich in meinem Kopf ab. Das Kettensägenmassaker in Hürth bei Köln, ich sah schon die Schlagzeilen. Auf den Bildern im Netz konnte man ja auch sehen, dass sie ganze Bäume frisst, die frisst bestimmt auch kleine Kinder...



Wir leben nunmehr seit 17 Jahren mit Hunden und ich dachte, ich kenne mich bestens aus. Alles wurde durcheinander geworfen. Ohje ohje sagten die einen. Einem Jagdhund bekommt man das nicht ausgetrieben, sagten die anderen. Und die ganz Klugen: „Na, wenn das mal gut geht!“
Da mein Vater selber Jäger ist, der nie jagen war, ich aber während seiner Ausbildung die Bücher auch gelesen habe, war mir doch eigentlich bekannt, dass gerad diese Hunderassen gut abzurichten seien und daher sehr lernfähig. Ich gab die Hoffnung nicht auf und ging in die Buchhandlung. Da gibt es doch diesen Typen in den USA, der sogar scharfe Pitbulls zu Schoßhündchen macht. Buch gekauft und ich fand alles wieder, was ich den letzten 17 Jahren selber als Lebenserfahrung machen durfte. Ich gebe zu, ich bin eine Niete was die Erziehung angeht und meine Frau muss mit jedem neuen Hund auch gleich immer mich neu erziehen, aber ich behaupte, ich kann die Gefühle unserer Hunde fühlen und lese ihre Gedanken. Und so berühren sie mit ihrer Zuneigung jedes Mal mein Herz.
Jeder Hund hat einen Jagdtrieb, alle stammen von den Wölfen ab, das sollte mal keiner vergessen. Der Begriff Jagdhund aber beschreibt, dass diese Hunderassen besondere Eigenschaften haben, wie z.B. Spürsinn, die gut ausgeprägt sind. Ein echter Jagdhund tötet keine Tiere, er holt das erlegte Wild und bringt es zum Jäger, und zwar erst wenn er es sagt. Das nennt man apportieren und ist dasselbe wie „Stöckchenholen“!
Na dämmerts in der Birne?



Rennt der Hund einfach los und tötet ein Tier, dann ist in der Erziehung was falsch gelaufen. Und das kann euch mit jedem Hund passieren, auch mit dem achso beliebten Golden Retriever.
Diese Worte gaben mir wieder Mut.
Es kam der Tag von Salomes Ankunft. Ich hatte Nachtschicht und nur zwei Stunden geschlafen, als wir auch schon wieder los mussten. Nervös ist gar kein Ausdruck, obwohl wir doch nur eine Pflege-stelle sind. Noch einmal zogen die Bilder von blutigen Kaninchenkadavern und ausgerissenen Kinder-armen an mir vorbei, aber ich glaube das lag nur daran, dass ich nur zwei Stunden Schlaf und 5 Tas-sen Kaffee hatte. Der Flieger war gelandet und wir warteten. Wildes Hundegebell durcheinander! OH oh, ich hatte doch gesagt nur ein Hund. Fünf Boxen kamen an und ich muss zugeben, ich war sehr gerührt, dass so viele Leute hier standen um einem geretteten Tier eine zweite und bessere Chance zu geben.




Die größte Box war natürlich für uns. Nun war es an der Zeit die Bestie aus dem Käfig zu lassen. Am besten mit dem Gitter von mir weg, dann würde sie als erstes diese nervige Frau fressen, die sich sowieso die ganze Zeit aufregt, dass ihr alle im Weg stehen. Ich sah es schon wieder vor meinem geistigen Auge: blutüberströmte Frau, Arm ausgerissen, Menschen in Panik laufen hin und her, bewaffnete Zöllner kommen von allen Seiten angelaufen……..! O.K. jetzt übertreib ich. Wir öffneten die Box und da war sie. Vertrauensvoll kam sie aus der Box und wedelte mit dem Schwanz, den sie nicht mehr hat. Friedlich gingen wir zum Auto und traten die Heimreise an. Salome lag entspannt bei uns auf dem Schoß auf dem Rücksitz. Ich kann nur sagen, die Herzen im Sturm erobert, wir wussten es nur noch nicht oder wollten es noch nicht wahr haben. Ich gebe zu, sie hat es uns am Anfang auch nicht leicht gemacht. Den Versuch Arme auszureißen beging sie nicht mit dem Maul, sondern mit der Leine. Puh! Auch sprang sie einfach mal auf die Küchentheke um die Töpfe auf dem Herd leer zu machen. „Schatz, warum steht ein gespülter Topf auf dem Herd?“




Klar ist, dass der neue Hund sich auch erst mal eingewöhnen muss. Wir haben sie nicht raus in den Garten gelassen, solange die Kaninchen draußen sind. Aber gut, alles ist neu und sie muss sich daran gewöhnen. Sally, so haben wir den gefährlichen Jagdhund getauft, weil Salome als Rufname einfach zu lang ist. Sally hat einige Wochen hinter verschlossener Terrassentüre zugeschaut, wenn wir die Kaninchen gefüttert, gereinigt und irgendwann in den Stall gesetzt haben. Mit der Zeit hat sie begriffen, dass die Kaninchen zum Rudel gehören. Vorsichtig wurde sie mit der Zeit an der Leine an die Kaninchen herangeführt. Bis der finale Tag kam, an dem wir sie frei zu den Kaninchen gelassen haben. Sie wollte als erstes spielen und jagte unsere Lulu, eine Deutschwidderdame, mit zarten sieben Kilo Kampfgewicht. Der Schock war kurzzeitig groß, als Sally sie kurz in den Hintern zwickte und Lulu den Spieß herumdrehte und dann dem gefährlichen Jagdhund hinterherlief. Die Bilder in meinem Kopf änderten sich schlagartig. Ich sah auf einmal ein blutverschmiertes Kaninchen mit einer Hundepfote im Maul. Ich sah, wie ich mit einem Deutschen Widder und Maulkorb zum Wesenstest musste. Sorry, ich drifte schon wieder ab.
Wenn ich nun zurückblicke und sehe, wie brav und folgsam unsere süße Sally geworden ist, dann muss man sich bewusst machen, dass sie zu dem Tag, an dem ich diesen Text schreibe, gerade mal 12 Wochen bei uns ist.
Ein Hund braucht Erziehung aber auch Geduld. Je mehr Zeit du für ihn hast und in seine gesunde Erziehung investiert, umso mehr Liebe wird er dir zurückgeben. Egal, ob es ein blutrünstiger Jagdhund oder ein achso beliebter Golden Retriever ist.




(Ausnahmen sind Chihuahuas, unsere sind noch gefährlicher als „Jagdhunde)

Daß mir mein Hund viel lieber sei,
sagst du, oh Mensch, sei Sünde.
Der Hund bleibt mir im Sturme treu,
der Mensch nicht mal im Winde!

Arthur Schopenhauer.